6. Februar 2026

Tod eines Zugbegleiters: die Gewalt in Deutschlands Alltag

Von Admins

Es ist eine Tat, die ganz Deutschland erschüttert: Ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn hatte in einem Regionalzug einen allein reisenden Mann kontrolliert, der keinen gültigen Fahrschein besaß. Als der Zugbegleiter den Mann aufforderte, den Zug beim nächsten Halt zu verlassen, schlug dieser unvermittelt mit mehreren heftigen Faustschlägen zu. Der Zugbegleiter verlor das Bewusstsein, musste reanimiert werden und starb einen Tag später wegen einer Hirnblutung als Folge der stumpfen Gewalt in einer Klinik. Der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft.

Die Statistik zeigt: Allein im vergangenen Jahr wurden knapp 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn Opfer von Straftaten. Im Durchschnitt wurden laut Bundesinnenministerium pro Tag fünf Beschäftigte körperlich angegriffen und vier bedroht. Es geht so weit, dass Bahnbedienstete berichten, sie würden keine Tickets kontrollieren, sie wollten ja lebend nach Hause kommen. Diese bedrohliche Entwicklung sei aber keinesfalls neu, sagt der Gewaltforscher Jonas Rees der DW, die Zündschnur sei im letzten Jahrzehnt kürzer geworden.

„Wir sehen bei den Zahlen seit 2015 einen kontinuierlichen Anstieg von Gewalt. Die neue Normalität seit mindestens zehn Jahren heißt also, dass es quasi zum Alltag für die Beschäftigten gehört, dass sie beschimpft, beleidigt, bedroht oder eben auch körperlich angegriffen werden.“ Auch Rees ist fassungslos angesichts des Todes eines Zugbegleiters. „Der entscheidende Punkt ist aber nicht die Frage, verroht unsere Gesellschaft zunehmend, sondern was sind wir an Gewalt und Entgleisung über die letzten Jahre schon gewohnt?“

Freitagabend, Zug zu spät und zu viel Alkohol

Rees ist Professor für Politische Psychologie an der Universität Bielefeld und hat mehr als ein Jahr lang zu den Ursachen von Gewalt gegen Bahnbeschäftigte geforscht. Das Ergebnis der Studie: Gewalt tritt besonders häufig auf, wenn die Fahrgäste alkoholisiert sind. Wenn die Züge überfüllt oder verspätet sind und zu Großereignissen hin- und wieder wegfahren. Und auch der Wochentag spielt eine große Rolle, samstags und insbesondere freitags nach der Arbeit steigt die Zahl der Gewalttaten signifikant an.

Verbale Gewalt und auch körperliche Übergriffe treten aber vor allem bei der Fahrscheinkontrolle auf, so Rees. „Wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit für Gewalt steigt, wenn sich potenzielle Gewalttäter unerkannt aus der Situation entziehen können. Und deswegen ist der Bahnkontext leider ein Stück weit prädestiniert für Gewalt: Sie haben einen öffentlichen Raum, häufig Alkoholkonsum und die Möglichkeit, dann einfach an der nächsten Haltestelle auszusteigen und zu verschwinden.“

Mann lehnt an Fensterscheibe
„Menschen, die frustriert sind, sind auch eher gewaltbereit und verhalten sich aggressiver“ – Jonas Rees Bild: Privat

Bahnmitarbeiter als Zielscheibe für die Versäumnisse der Bahn

Mitarbeiter der Bahn sind mit der Angst um ihre Gesundheit leider heutzutage nicht allein. Auch Polizistinnen und Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter werden zunehmend zur Zielscheibe von Gewalt.

Die Erklärung des Gewaltforschers: „Ein verbindendes Element bei Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist, dass insbesondere Polizei, Rettungskräfte, aber auch Bahnbeschäftigte uniformiert sind. Und aus dieser Uniform ergibt sich eine Art Stellvertreterhaftung, dass Polizeibeamte häufig stellvertretend für den Staat angegriffen werden, für den sie stehen, und Bahnbeschäftigte für die Bahn.“

Es trifft auch Beamte, die nicht uniformiert auftreten: Rees und sein Forschungsteam haben vor kurzem 2000 Lehrerinnen und Lehrer in Nordrhein-Westfalen befragt, die gleichfalls immer häufiger von Schülerinnen und Schülern und selbst von Eltern angefeindet und angegangen werden.

Härtere Strafen für die Angreifer oder besser Prävention?

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will als Konsequenz die Mindeststrafen für Angreifer deutlich erhöhen. „Ich erwarte, dass der Täter mit der vollen Härte des Gesetzes für seine brutale Tat bestraft wird“, kommentierte der CSU-Politiker den Tod des Zugbegleiters.

Doch Jonas Rees hält härtere Strafen nicht für zielführend. „Bei spontan sich entwickelnden, eskalierenden Situationen, die zu Gewalt führen, ist in der Regel nicht der Gedanke, der einen Gewalttäter bremst, oh je, da ist ja kürzlich erst die Strafe für verschärft worden. Eine härtere Strafe wird also nicht unbedingt helfen, spontane Gewalt zu unterbinden.“

Stattdessen müsse unbedingt das Personal erhöht werden, insbesondere das Sicherheitspersonal. Mit mehrtägigen Deeskalationstrainings sollte die Bahn ihre Mitarbeiter auf brenzlige Situationen vorbereiten. Zugbegleiter müssten außerdem die Möglichkeit haben, auf Kontrollen zu verzichten, sollten sie die Lage als gefährlich einstufen. Und auch Drehkreuze vor den Bahnsteigen wären eine gute Idee, weil damit Fahrscheinkontrollen entfallen würden.

Messer machen Mörder

„Ein weiterer Punkt sind jederzeit zugängliche, abschließbare Rückzugs- und Schutzräume. Die gibt es tatsächlich auf vielen Zügen nicht, bei manchen wurden sie sogar aktiv zurückgebaut“, so der Gewaltforscher an die Adresse von Bahnchefin Evelyn Palla. Sie will in den nächsten Tagen zu einem Sicherheitsgipfel einladen. „Ich bin ein großer Anhänger von Prävention und Deeskalation“, sagt Rees. „Ich bin lieber auf eine gefährliche Situation vorbereitet, die nie eintritt, als auf eine gefährliche Situation nicht vorbereitet, wenn sie denn eintritt.“