16. Januar 2026

Exil-Iranerinnen in Deutschland: „Da ist nur noch Wut“

Von Admins

Irgendwann, sagt Ati (Name von der Redaktion geändert), könne man einfach nicht mehr passiv bleiben. Für die junge Molekularmedizinerin, die vor zehn Jahren nur mit einem Koffer und einem Laptop aus dem Iran floh, heißt das: die Proteste gegen das Regime in ihrer neuen Heimat Bonn zu organisieren und lautstark ihre Stimme zu erheben. „Dieses Mullah-Regime ist nicht legitim, es war nie legitim, wenn es gegen die eigene Bevölkerung einen Krieg anfängt!“, sagt Ati auf der Kundgebung in der Innenstadt und erntet dafür tosenden Applaus.

Einen Tag später wacht sie nach einer schlaflosen Nacht mit Schüttelfrost auf – es geht ihr wie vielen Exil-Iranerinnen und -Iranern, die angesichts der hemmungslosen Brutalität des Regimes gegen die Proteste mit Tausenden Toten nicht nur seelisch, sondern auch körperlich an ihre Grenzen stoßen. Verzweifelt versucht Ati übers Handy, Festnetz und die sozialen Medien, Kontakt mit ihren Verwandten und Freunden aufzunehmen – fast unmöglich angesichts der Kommunikationssperre durch die Regierung.

Das habe auch fatale Konsequenzen im Gesundheitssektor innerhalb des Irans, erzählt die Medizinerin der DW: „Auch die Kommunikation zwischen den Krankenhäusern im Iran ist unterbrochen. Das bedeutet, dass Menschen sterben, weil sie nicht schnell genug versorgt werden können.“ Das Mullah-Regime gehe zudem brutal gegen freiwillige Helfer vor. „Wir hören, dass Ärzte, wenn sie zu den Verletzten nach Hause gehen, festgenommen und sogar getötet werden.“

Eine Frau steht am Rande einer Protest-Demonstration gegen die iranische Regierung in Bonn und schaut ernst in die Kamera
„Es gibt nicht genügend Ärzte und medizinisches Personal, die Menschen werden weiter sterben“ – Medizinerin Ati auf der DemonstrationBild: Thomas Gennoy/DW

Die Regierung Irans würde sogar Krankenwagen als Tarnung nutzen, um Protestierende festzunehmen, berichtet Ati. Gerne würde sie darüber auch mit ihrem Vater und ihrem Bruder sprechen – doch diese sind Anhänger des Regimes, der Kontakt sei seit Jahren abgebrochen. Keineswegs ungewöhnlich, bei vielen Iranern gehe der Riss durch die eigene Familie.

Für Ati jedoch kein Grund, mit den Protesten aufzuhören, im Gegenteil, sie wird auch in den nächsten Wochen in Deutschland auf die Straße zu gehen. „Ein Teil von mir ist immer noch im Iran“, sagt sie unter Tränen. „Ein Stück ist dort geblieben und dieses Stück brennt jetzt und wird auch getötet. Aber ich will hier von Deutschland aus weiter für eine freie und friedliche Welt und gegen gewalttätige Islamisten kämpfen.“

Gefühl der Verzweiflung und Machtlosigkeit im Exil

30 Kilometer entfernt nimmt sich Mojdeh Noorzad Zeit für ein kurzes Gespräch in der Mittagspause einer Kölner Apotheke – besser gesagt, ihrer Apotheke. Vor sieben Jahren hat sie, die als junge Frau und politische Aktivistin im Iran verfolgt wurde und deswegen 1984 nach Deutschland floh, das Geschäft übernommen. In diesen Tagen heißt das, irgendwie zu funktionieren – denn mit den Gedanken ist sie vor allem bei den mutigen Demonstrierenden und ihren drei Schwestern, die immer noch im Iran leben.

„Ich habe seit einer Woche keinen Kontakt mehr. Mit keiner von den dreien. Auch nicht mit den Angehörigen meines Mannes. Ich habe auch noch viele Freunde und Bekannte im Iran. Aber ich weiß nicht, wie es ihnen allen geht.“ Noorzad beschreibt das Gefühl der Hilflosigkeit für viele Exil-Iraner in Deutschland, 5000 Kilometer von der Heimat entfernt. „Wir fühlen uns verzweifelt und machtlos. Es ist nicht einfach, das alles von hier zu beobachten.“

Eine Frau mit einem roten geblümten Schal steht vor einem Regal mit Medikamenten, sie sieht traurig aus
„Die Mullahs haben uns damals unsere Revolution gestohlen“ – Apothekerin und Exil-Iranerin Mojdeh NoorzadBild: Oliver Pieper/DW

Armut, Perspektivlosigkeit und Unterdrückung treibe die Menschen auf die Straße, die Iraner und Iranerinnen könnten schlichtweg nicht mehr – das unterscheide den aktuellen Protest von den vielen Demonstrationen in der Vergangenheit. Die Apothekerin erzählt von einer Iranerin, deren Hilferuf gerade weltweit viral geht: „Sie sagt: ‚Ich lebe schon seit 47 Jahren nicht mehr, ich bin schon tot. Wenn sie mich erschießen, sollen sie es tun, es macht keinen Unterschied. Das war kein Leben.'“

Mojdeh Noorzad ist skeptisch, dass das Mullah-Regime jetzt wirklich fällt, weil die Bevölkerung mit bloßen Händen gegen ein bis auf die Zähne bewaffnetes Regime kämpfen müsse. Den Traum eines freien, gleichberechtigten und demokratischen Iran – ohne islamische Regierung – hat sie jedoch nicht aufgegeben. Was sie, die seit 42 Jahren nicht mehr in ihrer Heimat war, dann als erstes machen würde? „Die Gräber meiner Eltern und die meiner vielen Freunde, die getötet wurden, besuchen.“

Wut gegen das mörderische Regime und Appell an Friedrich Merz

Auch Hellen Nosrat, Rosa Franke und Mina Ahadi haben den Iran seit Jahrzehnten nicht mehr besuchen können, die Regimekritikerinnen mussten ebenfalls ihre Heimat verlassen. Ihre Geschichten sind bewegend und gleichzeitig Beispiele dafür, auch aus der Ferne im Kampf gegen die religiöse Diktatur nicht nachzulassen.

Nosrat überlebte mit ihrem fünfjährigen Sohn und der dreijährigen Nichte eine lebensgefährliche Flucht, Franke saß drei Jahre lang im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran und Ahadi wurde im Iran in Abwesenheit zum Tode verurteilt, nachdem ihr Mann hingerichtet worden war.

Drei Frauen sitzen an einem Tisch vor einem Fenster
Die Exil-Iranerinnen Hellen Nosrat, Mina Ahadi und Rosa Franke hoffen auf ein schnelles Ende des Mullah-RegimesBild: Oliver Pieper/DW

Der Treffpunkt in einem Kölner Café gibt die Richtung vor – hier planen und organisieren sie seit einer gefühlten Ewigkeit Demonstrationen und Kundgebungen, wenn es heißt, Menschenrechtsverbrechen im Iran öffentlich zu machen.

„Ich muss gerade daran denken, dass wir seit mehr als 20 Jahren in dieses Café kommen und unheimlich viel angestoßen haben, zum Beispiel bei den Themen Steinigung und Todesstrafe. Aber wir hatten in der Vergangenheit eigentlich immer eine positive Einstellung. Nun ist da nur noch Wut angesichts dieses mörderischen Regimes, es muss endlich weg“, sagt Ahadi der DW.

Rosa Franke erzählt von dem jüngsten Gespräch mit ihrer Nichte, die in Teheran lebt. „Das ist schlimmer als Krieg“, habe diese ihr erschüttert berichtet. Die Milizen griffen sich Menschen jeden Alters, die gegen die Regierung demonstrierten, sogar Kinder und 80-Jährige. „Sie fing dann an zu weinen und sagte: ‚Tante, wir brauchen Unterstützung aus dem Ausland. Die Menschen hier haben alle Angst. Die Revolutionsgarden sind jetzt auf den Straßen, sie haben alle umgebracht.'“

Aufgeben ist für die drei Frauen trotzdem keine Option, ist es nie gewesen. Am Samstag werden sie bei der geplanten Großdemonstration in Köln wieder ihre Stimme gegen das verhasste Mullah-Regime erheben.

Und sie werden an die deutsche Regierung um Bundeskanzler Friedrich Merz appellieren, mehr als in der Vergangenheit zu tun. Hellen Nosrat sagt: „Deutschland braucht eine eigene Iran-Politik, unabhängig von den USA, und muss die Demokratie im Iran verteidigen.“