Ölknappheit bedroht globale Energiesicherheit
Der Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormus – einer Wasserstraße, durch die vor dem Konflikt rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt wurden – haben einen Ölversorgungsschock von lang nicht bekanntem Ausmaß ausgelöst. Die Verknappung hat Länder weltweit dazu veranlasst, fieberhaft nach Alternativen zu suchen, um die wegbrechenden Vorräte auszugleichen.
Asiatische Länder, die stark von der Energieversorgung aus dem Nahen Osten abhängig sind, haben Maßnahmen ergriffen, um die Kraftstoffnachfrage zu dämpfen. Einige Länder haben bereits Maßnahmen zur Drosselung der Nachfrage und zur Kraftstoffeinsparung eingeführt, wie beispielsweise kürzere Arbeitswochen auf den Philippinen und eine reduzierte Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in Ländern wie Pakistan.
Die Internationale Energieagentur (IEA) koordinierte im März die Freigabe massiver Ölreserven – rund 400 Millionen Barrel – aus den Notfallreserven der Industrieländer. Ziel dieser Maßnahme war es, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen und die Rohölpreise zu stabilisieren.
Globale Reserven
Vor dem Krieg herrschte auf den globalen Rohölmärkten ein Überangebot. Die großen Volkswirtschaften hatten umfangreiche strategische Reserven aufgebaut, wobei China, die Vereinigten Staaten und Japan die weltweit größten Vorräte hielten.
Laut Daten der US-Energieinformationsbehörde (EIA) verfügte China im Dezember 2025 über fast 1,4 Milliarden Barrel Rohöl in seinen Reserven, darunter sowohl kommerzielle als auch staatliche.
Die USA hielten rund 413 Millionen Barrel in ihrer strategischen Ölreserve und weitere 411 Millionen Barrel in kommerziellen Rohölreserven.
Japan besaß die drittgrößten strategischen Ölreserven mit rund 263 Millionen Barrel allein in staatlichen Reserven. Indien hielt laut EIA rund 21 Millionen Barrel in seinen Vorräten. Diese strategische Reserven sollten vor allem Schutz vor kurzfristigen Ölpreisschocks bieten.
Die EU-Länder sind gesetzlich verpflichtet, Notfallreserven in Höhe von mindestens 90 Tagen Nettoimporten oder 61 Tagen Verbrauch vorzuhalten. Sie trugen rund 20 Prozent zu den 400 Millionen Barrel bei, die im Rahmen der von der Internationalen Energieagentur (IEA) koordinierten Maßnahme freigegeben wurden. Deutschland gab 19,5 Millionen Barrel frei, gefolgt von Frankreich (14,6 Millionen Barrel), Spanien (11,6 Millionen Barrel) und Italien (10 Millionen Barrel).
Laut S&P Global decken die Reserven derzeit etwa 9,5 Tage der Nettoölimporte ab. Berücksichtigt man jedoch die Reserven staatlicher Ölkonzerne, erhöht sich die Deckung auf etwa 74 Tage. Zusätzlich zu diesen strategischen Reserven standen Millionen Barrel russisches Rohöl, die auf noch nicht gelöschten Tankern lagerten, Käufern in Asien zur Verfügung, nachdem die USA die Sanktionen gegen dieses Öl vorübergehend ausgesetzt hatten, um das globale Angebot zu erhöhen.
Kritisches Niveau bald in Sicht
Diese Ölvorräte haben bisher dazu beigetragen, den Energieschock abzufedern und die Angebotsschwankungen zu bewältigen. Doch fast drei Monate nach Kriegsausbruch steht der Ölverkehr durch Hormus weiterhin still. Während die Unterbrechung anhält, wurden strategische Reserven und kommerzielle Vorräte weiterhin in rasantem Tempo abgebaut. Die IEA gab bekannt, dass die globalen beobachteten Ölvorräte im März und April in Rekordtempo um 246 Millionen Barrel gesunken sind.
Der Chef der internationalen Ölbehörde, Fatih Birol, warnte kürzlich, dass die Ölreserven „nicht unendlich“ seien und weltweit „sehr schnell“ sanken. Er betonte außerdem, dass es „viel Zeit“ dauern werde, bis Produktion und Raffineriekapazität wieder das Vorkriegsniveau erreichen. Die US-Investmentbank Goldman Sachs gab letzte Woche eine ähnliche Warnung heraus und erklärte, die globalen Ölreserven würden in diesem Monat in Rekordtempo abgebaut.
„Bei der derzeitigen Abbaugeschwindigkeit könnten die kommerziellen Ölreserven bis Ende Juni ein kritisch niedriges Niveau erreichen“, schrieb Neil Shearing, Chefökonom von Capital Economics, in einer Analyse vom 18. Mai. Sollte sich die Angebotslage nicht bald verbessern, „könnten die Preise stark steigen“, warnte Shearing.
Auswirkungen auf die Preise
Die Situation hat Befürchtungen vor Versorgungsengpässen geweckt, insbesondere während der sommerlichen Nachfragespitze. Sollten die Lieferengpässe anhalten, „werden sich die Engpässe nicht in allen Regionen und Sektoren gleich stark bemerkbar machen“, erklärte Antoine Halff, Wissenschaftler und Energieexperte am Center on Global Energy Policy der Columbia University, gegenüber der DW.
Er merkte an, dass asiatische Länder aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von Energie aus dem Nahen Osten voraussichtlich am stärksten betroffen sein werden, während Flugreisen und Flugtreibstoff zu den am stärksten betroffenen Sektoren und Produktkategorien zählen. Dies werde auch zu einem Anstieg der Ölpreise führen, der „überall spürbar sein wird, auch in Ländern wie den USA, die von einer reichlichen heimischen Versorgung profitieren“, so Halff.
Die Rohölpreise liegen bereits jetzt über dem Niveau vor dem Konflikt, was auf Angebotsengpässe und eine geopolitische Risikoprämie zurückzuführen ist. Gleichzeitig reagierten die Preise volatil und empfindlich auf Nachrichten: Sie fielen nach Meldungen über eine schnelle Beilegung des Konflikts und stiegen sprunghaft an, wenn Anzeichen darauf hindeuteten, dass die Straße von Hormus länger geschlossen bleiben würde.
Helima Croft, Leiterin der globalen Rohstoffstrategie bei RBC Capital Markets, glaubt, dass die Märkte die Herausforderungen bei der Beilegung des Konflikts unterschätzen. „Die Erwartungen an eine kurzfristige, vollständige Erholung des Hormus-Konflikts beruhen auf unrealistischen Annahmen über die Leichtigkeit der Lösung und die strategischen Kalkulationen aller Beteiligten“, schrieb sie in einem Bericht.
Sollte der aktuelle Angebotsrückgang anhalten, schätzt die Expertin, dass „die kumulierten Rohölverluste bis Monatsende eine Milliarde Barrel übersteigen und sich 1,5 Milliarden Barrel annähern werden, wenn die Situation bis Juni unverändert bleibt.“ Dies werde die Ölpreise in Richtung der Höchststände von 2008 treiben. „Dann wird wahrscheinlich der Nachfrageeinbruch den Markt wieder ins Gleichgewicht bringen.“
Weitere Ölreserven freigeben?
Angesichts schwindender Lagerbestände scheinen die Regierungen jedoch vor einer zweiten koordinierten Freigabe strategischer Reserven zurückhaltend zu sein. Der französische Finanzminister Roland Lescure, der kürzlich seine Amtskollegen der G7-Staaten empfing, erklärte gegenüber der Financial Times, die Vorräte seien „endlich“ und könnten nicht freigegeben werden, „ohne in dieser Phase Klarheit über Dauer und Intensität des Konflikts zu haben“.
Halff sagte, sollte Hormus noch länger blockiert bleiben, könnten die Regierungen „kaum etwas tun, um die Versorgung sicherzustellen und gleichzeitig die Preise im Zaum zu halten“ (..) „Die Freigabe von Öl aus strategischen Reserven kann helfen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, da die Vorräte nicht unbegrenzt sind.“