3. Juli 2026

Warum viele Zugewanderte Deutschland wieder verlassen

Von Admins

„Unser Fazit lautet: Wer Zuwanderung erfolgreich gestalten will, muss auch Abwanderung verstehen. Es geht darum, Menschen langfristig zu halten durch faire Chancen, verlässliche Verfahren, gute Unterstützung und ein Umfeld, in dem Menschen langfristige Perspektiven entwickeln können“, sagt Laura Goßner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf einer Pressekonferenz in Berlin.

Die Organisation hat Personen zwischen 18 und 65 Jahren, die bis April 2025 nach Deutschland eingewandert sind, online gefragt, warum sie Deutschland verlassen haben – und welche Gründe dafür ausschlaggebend waren. Abwanderung sei nicht die Folge eines einzigen Faktors. Vor allem familiäre Gründe spielten eine große Rolle, so das Ergebnis der Studie. Auch Erfahrungen mit Diskriminierungen werden genannt. Viele Faktoren seien politisch steuerbar, wie etwa Bürokratie, Wohnen oder Spracherwerb.

Junge Ausgewanderte suchen ihr Glück in Spanien oder der Schweiz

Doch wer sind die Menschen, die Deutschland besonders häufig wieder verlassen? „Ausgewanderte sind im Durchschnitt jünger. Sie lebten kürzer in Deutschland und haben häufiger Partnerinnen/Partner und Kinder im Ausland. Außerdem verfügten sie seltener über Deutschkenntnisse, aber häufiger über gute Englischkenntnisse“, so IAB-Expertin Theresa Koch.

Drei Frauen stehen vor schwarzen Stühlen, hinter ihnen eine blaue Wand mit der Aufschrift "Bundespressekonferenz"
Theresa Koch, Yuliya Kosyakova und Laura Goßner vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)Bild: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)

Während 60 Prozent der Ausgewanderten in ihre Heimat zurückkehren, zieht es 40 Prozent von ihnen weiter in andere Länder. Beliebteste Ziele: Spanien, die Schweiz, Italien und Kroatien. „Wir stehen im Wettbewerb um die Fachkräfte mit anderen europäischen Ländern“, so Yuliya Kosyakova, die Leiterin des Forschungsbereiches Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Bürokratie ist einer der Hauptgründe für Auswanderung

Vieles, was die Ausgewanderten an Deutschland kritisieren, ist nicht neu: Die lange Bearbeitungszeit bei der Einbürgerung, bei Aufenthaltstiteln, Visa und der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen. Sie müssten oft lange warten, bis deutsche Ämter ihre Rückfragen beantworten. Die hohen bürokratischen Gebühren. Oder auch die mangelnde Unterstützung, wenn es um Arbeit und Karriere geht, sei es beim Jobcenter, in den Städten oder durch den Arbeitgeber.

All dies erschwere die langfristige Planung, den Zugang zu Beschäftigung sowie die Verbundenheit zu Deutschland, sagt Laura Goßner. Verwaltungsverfahren hätten Einfluss darauf, „wie Eingewanderte ihre Zukunft in Deutschland einschätzen. Wenn Verfahren als langwierig, unverständlich oder schwer zugänglich erlebt werden, kann das mit der Bleibeperspektive zusammenhängen“, analysiert die IAB-Expertin. „Wir sehen, dass sich Eingewanderte mit mehr negativen Bewertungen solcher Verfahren im Durchschnitt seltener in Deutschland willkommen fühlen.“

Sprache bleibt der Schlüssel auf deutschem Arbeitsmarkt

Anruf bei Tilman Frank. Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands internationale Fachkräftegewinnung e.V. ist gleichzeitig Geschäftsführer der „TalentOrange GmbH“, die schon Tausende Pflegefachkräfte, Erzieherinnen oder Physiotherapeuten für Deutschland rekrutiert und begleitet hat. Frank weiß, wann Menschen nach kurzer Zeit in Deutschland wieder ihre Koffer packen. Die Sprache sei der Schlüssel, um sich in Deutschland und speziell auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden, sagt er.

„Problematisch ist es, wenn schon der Weg nach Deutschland von vornherein falsch angelegt ist, ich nicht die Richtigen anspreche und auswähle und den Spracherwerb nicht gut genug begleite. Wenn das nicht passt, dann ist die Chance, dass diese Menschen zurückgehen, relativ groß. Wenn ich aber den Spracherwerb ermögliche und auch die richtigen Menschen auswähle, die in sich genug gefestigt für den Schritt nach Deutschland sind, dann sind die Bleibequoten sehr hoch.“

Ein Mann mit Brille, hellblauem Jackett und weißem Hemd schaut freundlich in die Kamera
„Ich bekomme im Arbeitsumfeld, im Büro oder auf dem Flur ohne Sprache keine Kontakte“ – Tilman Frank rekrutiert und begleitet ausländische Fachkräfte in DeutschlandBild: Nils Heck/bvifg

Weiterhin Altenpfleger gesucht – aber passt die Ausbildung dafür?

Vor allem Menschen aus Kenia, Indien und Vietnam würden aktuell versuchen, hierzulande Fuß zu fassen, erzählt Frank. Kenia, weil das dortige Arbeitsministerium die Ausreise von jugendlichen Arbeitslosen forciere. Indien und Vietnam, weil die Eltern dort die Chance einer Ausbildung für ihre Kinder attraktiv fänden. Insbesondere in der Altenpflege sei der Bedarf weiterhin groß.

Tilman Frank fordert deshalb von der Bundesregierung, den Deutschunterricht schon im Heimatland zu fördern. „Alle diese Versuche, ohne Deutschkenntnisse hier anzukommen, tragen nicht auf Dauer. Ein gutes Beispiel sind internationale Studiengänge, die in Englisch funktionieren, wo die Menschen hoffen, hier in Deutschland arbeiten zu können. Das klappt aber nicht.“

Ein Auswanderungsgrund könne auch sein, dass die Zugewanderten nicht adäquat eingesetzt würden: „Die zum Beispiel im Heimatland in der Akutpflege im Krankenhaus ausgebildet wurden und dann hier, ohne das klar kommuniziert bekommen zu haben, in Pflegeheimen in der Grundpflege eingesetzt werden.“

Neuer Ansatz: „Work and Stay“-Agenturen

Auch Frank kennt die Horrorstorys vom deutschen Bürokratie-Dschungel, an dem viele Zugewanderte scheitern. Seine Firma hat eine Excel-Liste mit Absurditäten, was alles schiefgehen kann: Wenn zum Beispiel zwei Sachbearbeiter unterschiedliche Bescheide und Laufzeiten bei der Visavergabe schickten.

Deswegen sei eine professionelle Betreuung unabdingbar. Immerhin: Auch die Politik habe mittlerweile verstanden, dass die internationalen Fachkräfte kommen und auch bleiben müssten. In Deutschland gebe es Licht und Schatten, so sein Fazit.

„Die Bundesagentur für Arbeit hat ein zentrales System eingeführt, was schneller und zuverlässiger ist. Hessen führt eine zentrale Ausländerbehörde ein. Es soll eine ‚Work and Stay‘-Agentur auf Bundesebene geben.“

Im operativen Geschäft erschwere der Personalmangel bei den Behörden jedoch vieles. „Mit der Digitalisierung kommen wir langsam voran, aber sehr langsam und mit individuellen Ansätzen einzelner Länder oder Kommunen. Der einheitliche Wurf fehlt noch.“