USA nehmen deutsche Arzneimittelpreise ins Visier
In der Welt, wie Donald Trump sie sieht, werden die USA vom Rest der Welt ausgenutzt und ungerecht behandelt: Dazu gehören auch zu niedrige Preise für Medikamente – vor allem in Deutschland.
Jetzt hat die US-Regierung eine Untersuchung gegen Deutschland eingeleitet. Washington will prüfen, ob US-Patienten und Unternehmen durch niedrige deutsche Preise bei Top-Medikamenten einen unverhältnismäßig großen Teil der weltweiten Forschungs- und Entwicklungskosten tragen. Grundlage ist Abschnitt 301 des US-Handelsgesetzes aus dem Jahr 1974. Im September soll die Untersuchung abgeschlossen sein. Als mögliche Folge stehen neue Zölle im Raum.
Alter Streit um unterschiedliche Preisregeln
Der Konflikt berührt einen Kernbereich der Gesundheitspolitik: Deutschland reguliert Arzneimittelpreise über das System der gesetzlichen Krankenversicherung, um die Versorgung bezahlbar zu halten. Die USA sehen darin eine Form von Marktverzerrung, während Deutschland die Preisregulierung als legitimes Instrument zur Kostendämpfung verteidigt. Aus einer Preisfrage ist damit ein handelspolitischer Streit geworden, der weit über die Pharmabranche hinausreicht.
Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die deutsche Preisregulierung US-Pharmaproduzenten benachteiligt und dadurch Ungleichgewichte im Handel entstehen. Nach Zahlen der OECD, einer Industrieländer-Organisation, sind die USA und Deutschland die beiden Länder mit den höchsten Arzneimittelausgaben. Pro Kopf lagen die Kosten 2023 in den USA bei 1713 Dollar, in Deutschland bei 1158 Dollar.
US-Angriff auf deutsche Gesundheitsreform
„Mit dieser Untersuchung soll geklärt werden, ob die anhaltende Unterbezahlung für innovative Arzneimittel durch Deutschland unangemessen oder diskriminierend ist und den US-Handel belastet oder einschränkt“, sagte der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer. Die Untersuchung sei das Ergebnis monatelanger Gespräche mit deutschen Vertretern, die bislang keine Lösung gebracht hätten.

„Präsident Trump hat deutlich gemacht, dass amerikanische Patienten nicht unverhältnismäßig stark die Kosten der globalen pharmazeutischen Forschung und Entwicklung tragen sollten“, sagte Greer. „Besonders besorgt bin ich über die Nachricht, dass Deutschland ein Gesetz beschleunigt, das seine Ausgaben für innovative Arzneimittel weiter kürzen würde.“
Damit attackieren die USA direkt das milliardenschwere Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina Warken, das in den nächsten Wochen vom Bundestag verabschiedet werden soll und den Pharma-Produzenten weitere Rabatte abverlangt.
Was ist dran an den US-Vorwürfen?
Der Blick auf ein konkretes, innovatives Medikament aus Deutschland zeigt tatsächlich riesige Preisunterschiede: Jardiance mit dem Wirkstoff Empagliflozin wurde vom deutschen Traditionsunternehmen Boehringer Ingelheim entwickelt und ist weltweit eines der wichtigsten Medikamente gegen Typ-2-Diabetes und Herzinsuffizienz.
Eine Monatspackung mit 30 Tabletten kostet für Selbstzahler und Privatversicherte in Deutschland knapp 80 Euro, gesetzlich Versicherte müssen nur eine Zuzahlung von maximal zehn Euro leisten. Bei nicht versicherten US-Patienten oder privat Versicherten, die ihre jährliche Selbstbeteiligung noch nicht erreicht haben, wird dagegen nach Informationen der US-Tochter von Boehringer Ingelheim der volle Listenpreis von umgerechnet rund 300 Euro fällig. An manchen US-Apothekenkassen könne sogar noch mehr in Rechnung gestellt werden, so Boehringer USA.
Dagegen zahlen ältere Patienten, Menschen mit Behinderungen und schweren Krankheiten sowie einkommensschwache US-Bürger, die über die staatlichen US-Versicherungsprogramme Medicare oder Medicaid versichert sind, nach Informationen von Boehringer Ingelheim USA je nach Tarif entweder gar nichts oder nur rund 50 Dollar, was etwa 45 Euro entspricht.

Sind also die von der US-Regierung beschworenen massiven Unterschiede bei den Medikamentenpreisen beim Blick auf einzelne Medikamente vor allem dann hoch, wenn die Patienten gar nicht versichert sind oder hohe Eigenbeteiligungen haben?
Kaum ein Gesundheitsökonom bestreitet, dass US-Patienten tendenziell mehr als deutsche Versicherte für hochwertige Medikamente bezahlen.
Das belegten im März vorgestellte gemeinsame Recherchen von NDR, WDR, Süddeutscher Zeitung (SZ) und New York Times. Danach sind vor allem patentgeschützte Medikamente in den USA weiterhin teurer als in Deutschland. Die Intransparenz bei den Arzneimittelpreisen auf den nationalen Märkten mache es Pharmaunternehmen leicht, hohe Preise zu erzielen, so Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der gesetzlichen Krankenkasse AOK, das bei der Recherche federführend war.
Strukturelle Gründe für Preisunterschiede
„Das unterschiedliche Preisniveau hat strukturelle Gründe“, erklärt Susanne Uhlmann, Leiterin des Pharmasektors und Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte, gegenüber der DW. „In öffentlich finanzierten Gesundheitssystemen wie in Deutschland werden Preise für die gesetzlich Versicherten zentral verhandelt. Entsprechend stark ist die Position der Krankenkassen verglichen mit den USA, wo einzelne Versicherer beziehungsweise von ihnen beauftragte Unterhändler verhandeln.“
Damit sind die in den USA mächtigen „Pharmacy Benefit Manager“ (PBM) gemeint. PBMs agieren in den USA als Mittelsmänner, die Medikamentenpreise zwischen Herstellern, Versicherungen und Apotheken aushandeln und regulieren. Eigentlich sollten sie Kosten sparen. Tatsächlich, so der Vorwurf, haben sie eine Struktur geschaffen, in der Preise und Rabatte für Außenstehende nur schwer durchschaubar sind. Die Folge: höhere Preise.
Die drei größten PBMs sind CVS Caremark, Teil des Drogerie- und Apotheken-Konzerns CVS, Express Scripts, Tochter des Lebens- und Krankenversicherers Cigna und OptumRx, das zum Gesundheitskonzerns United Health zählt. Zusammen kontrollieren sie nach Zahlen des Brancheninformationsdienstes Drug Channels rund 80 Prozent des US-Marktes für verschreibungspflichtige Medikamente.

Die US-Behörden greifen inzwischen aber gegen diese Strukturen durch. Die Federal Trade Commission (FTC) ermittelt gegen die Branchengrößen, „weil sie sich an wettbewerbswidrigen und unfairen Rabattpraktiken beteiligt haben, die den Listenpreis von Insulinmedikamenten künstlich aufgeblasen haben“, schreibt die Behörde. Mit Express Scripts erzielte die FTC im Februar 2026 einen Vergleich und erreichte, dass das Unternehmen grundlegende Änderungen an seinen Geschäftspraktiken einführt.
Vergleich von Äpfeln und Birnen?
Damit wird deutlich, dass die Preisgestaltung bei Medikamenten in den USA komplett anders ist als in Deutschland.
„Hinzu kommt, dass Hersteller für die Preisfindung neuer Medikamente in Deutschland einen therapeutischen Mehrwert gegenüber bestehenden Standardtherapien nachweisen müssen. Die Hürde für neue und teure Medikamente ist entsprechend hoch“, unterstreicht Pharma-Expertin Uhlmann.
Die deutsche Pharmabranche steht nicht nur wegen der Untersuchung der Behörden in den USA unter Druck. Mehr als 20 Prozent der deutschen Pharma-Exporte gehen in die USA, kaum ein anderer deutscher Industriezweig ist so abhängig vom US-Markt. Dazu kommt der Druck aus Berlin, im Zuge der geplanten Gesundheitsreform den gesetzlichen Krankenkassen weitere Rabatte einzuräumen.
Sollten die USA im Herbst Zölle verhängen, wird es ungemütlich: „Erhebliche Verluste“ drohen, so eine Analyse von Deloitte-Expertin Uhlmann vom April 2025. „Würden Zölle in einer Größenordnung von 10 bis 35 Prozent für einen Zeitraum von drei bis vier Jahren in Kraft treten, könnten die Exporte der Branche in den weltgrößten Pharmamarkt USA um 5 bis 53 Prozent zurückgehen. Das entspräche einem Verlust von 1,3 bis 13,4 Milliarden Euro“, rechnet Uhlmann vor.
Bundesregierung zeigt sich (noch) wenig beeindruckt
Bundeskanzler Friedrich Merz hat unterdessen gelassen auf die Untersuchung der US-Regierung reagiert. „Was die Erstattung von modernen innovativen Arzneimitteln betrifft durch unsere Krankenkassen, ist das eine Entscheidung, die wir in der nationalen Zuständigkeit haben“, sagte Merz dazu. „Wenn Amerikaner darüber Informationen haben möchten, stellen wir die gerne zur Verfügung.“
Zuvor hatte Gesundheitsministerin Nina Warken die Erwartungen der USA gedämpft. „Wir haben in Deutschland auch eine angespannte finanzielle Situation in unserer Krankenversicherung, da wird es schwierig, höhere Preise zu bezahlen.“
Das sieht auch Pharma-Expertin Uhlmann gegenüber der DW so: „Die Regeln zu Preisabschlägen auf in Deutschland verkaufte Medikamente waren in der Vergangenheit bindend und werden dies aller Voraussicht nach auch in Zukunft sein.“