Algeriens neue Schlüsselrolle in der EU-Energiepolitik
Zu ersten Mal seit seiner Wahl zum algerischen Präsidenten im Jahr 2019 war Abdelmadjid Tebboune offiziell zu Besuch in Berlin. Am Ende seiner zweitägigen Visite hob er gemeinsam mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz „die Qualität der Zusammenarbeit“ zwischen ihren Ländern hervor. Beide Seiten wollen die langfristige Zusammenarbeit im Energiebereich vertiefen.
„Algerien ist ein zentraler Partner für Europas Energiesicherheit. Erdgaslieferungen und die Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien sollen ausgebaut werden. Perspektivisch geht es um den Aufbau eines südlichen Wasserstoffkorridors – von Nordafrika nach Deutschland“, schrieb Cerstin Gammelin, die Sprecherin des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, auf X.
Algerien verfügt nach Nigeria über die zweitgrößten nachgewiesenen Erdgasreserven Afrikas. Es ist zudem der größte Erdgasproduzent des Kontinents. Anfang des Monats lieferte der algerische staatliche Energiekonzern Sonatrach die erste Ladung Flüssigerdgas (LNG) direkt an den schwimmenden LNG-Importterminal „Wilhelmshaven 1“ in Deutschland. Eine direkte Pipeline nach Deutschland würde die Verflüssigung und den Transport von LNG über See überflüssig machen und die Transportkosten für Gaslieferungen senken. Die beiden bestehenden algerischen Pipelines nach Italien und Spanien haben es vorgemacht.
„Algeriens einzigartige Position“
„Der Krieg im Iran und die Unterbrechung der Ölexporte durch die Straße von Hormus haben die Bedeutung Algeriens im Energiebereich verstärkt“, sagte Alice Gower, Direktorin für Geopolitik und Sicherheit bei der in London ansässigen Beratungsfirma Azure Strategy. „Zwar kann Algerien die Lieferungen aus der Golfregion nicht ersetzen, doch sein Pipelinegas erreicht Südeuropa, ohne die Schifffahrtswege im Golf zu passieren. Das bietet den europäischen Regierungen eine Diversifizierung der Versorgung in einer Zeit, in der die Sorgen um die Energiesicherheit wieder wachsen“, erklärte sie gegenüber der DW.

Diese Ansicht wird von Hafed Al-Ghwell geteilt. Er ist Leiter des Programms für Nordafrika, den Mittelmeerraum und die Sahelzone beim Thinktank Stimson Center in Washington. Al-Ghwell berichtete der DW, er habe sich kürzlich mit dem algerischen Außenminister und Mitgliedern des Kabinetts getroffen. „Man spürt dort sehr deutlich, dass angesichts der globalen Entwicklungen der politische Wille besteht, Algeriens einzigartige Position als bedeutender Gasproduzent zu nutzen“, sagte er.
Diplomatische Wertschätzung
Algeriens Bedeutung für Europa gehe weit über das Thema Gas hinaus, betont Gower. „Algier bietet Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung, der Migrationspolitik und der Stabilität im Mittelmeerraum an.“ Seit Jahren kooperiert Algerien mit europäischen Ländern im Bereich der Migrationssteuerung, unter anderem bei Rückführungen, Grenzfragen und der Bekämpfung von Schleusernetzwerken.
Darüber hinaus nimmt Algier eine besondere diplomatische Stellung ein und unterhält Beziehungen sowohl zum Iran und zu den Vereinigten Staaten als auch zu den Golfstaaten, China und Russland. Außerdem liegt das Land an einem strategisch wichtigen Knotenpunkt zwischen Nordafrika und der Sahelzone. „Präsident Tebboune hat zudem den Schwerpunkt erneut auf die afrikanische Zusammenarbeit gelegt, was Algeriens Ambition widerspiegelt, als Brücke zwischen Nordafrika, der Sahelzone und dem gesamten Kontinent zu fungieren“, bemerkte Gower.
Sie merkt jedoch auch an, dass dieser Ansatz eine Reaktion auf Druck ist. Algerien steht in der Westsahara-Frage zunehmend alleine da. Während Algerien die lokale Polisario-Front in ihrem Streben nach Unabhängigkeit unterstützt, betrachtet Marokko die Westsahara als Teil seines Hoheitsgebiets. Nachdem US-Präsident Donald Trump im Jahr 2020 die Souveränität Marokkos über die Region anerkannt hatte, folgten Spanien, Frankreich und mehrere afrikanische Staaten diesem Beispiel.
„Die Bemühungen in Algier zielen darauf ab, den regionalen Einfluss angesichts zunehmender marokkanischer Initiativen zu bewahren“, schrieben Beobachter in einer Analyse des Instituts für Sicherheitsstudien vom März. Die Autoren hoben zudem hervor, dass Algerien ein zentraler Akteur in der Sahelzone ist, weil es mehr als 2200 km durchlässiger Grenzen mit Mali und Niger teilt. Deshalb werde das Land mit vielen der gleichen Herausforderungen konfrontiert, darunter Terrorismus, grenzüberschreitende Kriminalität und irreguläre Migration. „Die Wiedereröffnung von Gesprächskanälen würde den dringenden sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen aller dienen“, lautete das Fazit der Analyse.
So hat Algier in jüngster Zeit versucht, die Beziehungen zu Mali und Niger wiederherzustellen. Außerdem setzt es sich für eine politische Lösung für sein drittes großes Nachbarland Libyen ein, das de facto weiterhin in zwei Verwaltungsgebiete gespalten ist.
Innenpolitischer Druck
„Ein grundlegendes Prinzip in der Politikwissenschaft lautet, dass Außenpolitik oft die Innenpolitik widerspiegelt“, erklärte Toufik Bougaada, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Algier, gegenüber der DW. Seiner Ansicht nach trifft dies auch auf die Situation in Algerien zu. Hafed Al-Ghwell vom Stimson Center merkt zudem an, dass Algerien seine derzeitige Stabilität nutzen könne, um interne Dynamiken anzugehen. „Investitionen des Privatsektors aus dem Ausland könnten dazu beitragen, Arbeitsplätze zu schaffen und insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen“, erklärte er.

Algerien hat noch keine offizielle Jugendarbeitslosenquote für 2026 veröffentlicht. Die jüngste verfügbare Schätzung der Weltbank beziffert die Jugendarbeitslosigkeit auf dreißig Prozent. Zudem sind seit dem Rücktritt des langjährigen Staatschefs Abdelaziz Bouteflika im Jahr 2019 viele Forderungen der Protestbewegung nach größerer politischer Offenheit unerfüllt geblieben. Auch das politische System Algeriens ist bis heute umstritten.
Laut dem Bertelsmann-Transformationsindex 2026 sind die Hoffnungen auf Reformen in Algerien nach den Protesten von 2019 weitgehend verflogen. Das Land sei „weitgehend zu den Verhältnissen vor dem Arabischen Frühling zurückgekehrt“. Der in Washington ansässige Think Tank Freedom House stufte Algerien in seinem Bericht „Freedom in the World 202“ erneut als „nicht frei“ ein.
Nach Einschätzungen von Human Rights Watch und Amnesty International wird der zivilgesellschaftliche Raum in Algerien immer kleiner. Die Menschenrechtsorganisationen stellen fest, dass die Behörden weiterhin gegen Journalisten, Aktivisten und Kritiker im Internet vorgehen. Alice Gower äußert sich deshalb vorsichtig. „Algeriens wachsende geopolitische Bedeutung hat das Gleichgewicht des internationalen Engagements verändert“, sagte sie gegenüber der DW und fügte hinzu: „Dies gibt Algerien mehr Spielraum, seine innenpolitische Agenda mit weniger Widerstand von außen voranzutreiben.“
Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert