Trümmer und Trotz: Kyjiw nach dem bislang schwersten Angriff
In der Nacht zu Donnerstag haben die russischen Streitkräfte den schwersten Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt seit Beginn der Angriffe auf die Ukraine durchgeführt. Insgesamt starben bei dem Beschuss in Kyjiw nach bisherigen Angaben mindestens 22 Menschen. Berichten zufolge wurden in verschiedenen Stadtteilen Dutzende Wohnhäuser zerstört und beschädigt.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte seinen Besuch in Irland aufgrund des zu erwartenden Angriffs auf Kyjiw vorzeitig abgebrochen. Ihm zufolge habe der Angriff „hauptsächlich gewöhnliche Wohngebäude“ beschädigt. „Eine Rettungswache, ein wissenschaftliches Institut, ein Hotel und mehrere Betriebe wurden zerstört“, fügte das Staatsoberhaupt hinzu.
Die EU-Botschafterin in der Ukraine, Katarina Mathernova, berichtete auf Facebook, dass Russland in der Nacht zum 2. Juli unter anderem ein Hotel angegriffen habe, in dem zahlreiche Diplomaten wohnten. „Russland hat in Kyjiw ein wahres Inferno entfacht. Es schien, als stünde ein großer Teil der Stadt in Flammen. Die Menschen verbrachten die Nacht in Bunkern. Ich habe in der U-Bahn Schutz gesucht, aber ich habe sie noch nie so überfüllt gesehen“, schrieb Mathernova. Laut ihren Angaben gleiche das Überleben in der Ukraine nachts einem „russischen Roulette“.
Bisher längster Luftalarm in Kyjiw
Es war der längste Luftangriff des gesamten Krieges, den Kyjiw in der Nacht zum 2. Juli erlebte. Die ersten Sirenen ertönten am 1. Juli um 19:52 Uhr. Der Alarm wurde erst am folgenden Morgen um 7:15 Uhr aufgehoben. Die Einwohner Kyjiws spürten Dutzende Explosionen, von denen einige zivile Gebäude im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt trafen.

Ein Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte erklärte, Russland habe einen kombinierten Angriff auf die Ukraine mit fast 500 Drohnen und 74 Raketen durchgeführt; darunter Zirkon- und ballistische Iskander-Raketen sowie Marschflugkörper. Hauptziel des Angriffs sei Kyjiw gewesen.
Der ukrainische Katastrophenschutz meldet 21 Todesopfer infolge des russischen Angriffs. Weitere 85 Menschen, darunter zwei Kinder, seien verletzt worden. In Kyjiw sind rund 600 Rettungskräfte mit Ausrüstung und Gerät im Einsatz – sie sind noch immer mit den Aufräumarbeiten und der Bergung Verletzter und Toter beschäftigt.
Schlaflose Nacht für die Bewohner Kyjiws
Petro, ein Einwohner Kyjiws, berichtet, er sei vom „ohrenbetäubenden, höllischen“ Geräusch einer russischen Rakete geweckt worden, die über seine Wohnung im Stadtzentrum hinwegflog. „Unmittelbar danach gab es eine Explosion, die mein ganzes Haus erschütterte. Es ist zurzeit sehr heiß, deshalb habe ich die Fenster offen gelassen, was sie vor der Druckwelle bewahrte, denn viele Fensterscheiben meiner Nachbarn hielten dem Druck nicht stand“, sagt Petro im Gespräch mit der DW.
Später erfuhr er von dem Einschlag im obersten Stockwerk eines nahegelegenen Hotels. „Als ich morgens auf das Dach unseres Hauses stieg, ergab sich ein schreckliches Bild. Nicht nur über dem Hotel, sondern überall ringsum stiegen schwarze Rauchsäulen auf. Es gab Brände in allen Bezirken Kyjiws, vor allem aber links des Ufers des Flusses Dnipro“, so der Kyjiwer Einwohner.
Stadtbezirk Darnyzja stark betroffen
Schwere Zerstörungen erlitt der Kyjiwer Stadtbezirk Darnyzja. Im Hinterhof eines Wohngebäudes, dessen Fenster und Balkone zerstört sind, klafft ein riesiger Krater. Alles ringsum ist von einer dicken Schicht grauschwarzen Staubs bedeckt.
Der ukrainische Innenminister Ihor Klymenko begutachtete die Schäden an dem neunstöckigen Gebäude, dessen obere Stockwerke durch eine Rakete zerstört wurden. Ein ganzer Teil des Wohnhauses ist eingestürzt. Laut dem Minister wurden allein in dieser Straße 44 Wohngebäude und zehn Bildungseinrichtungen, darunter Kindergärten und Schulen, getroffen. „Dies ist ein reines Wohngebiet. Im Gebäude hinter uns wurden 64 Wohnungen beschädigt, 37 oder 38 davon vollständig zerstört. Insgesamt wurden 17 Personen gerettet. Zehn wurden mit Kränen geborgen, sieben aus den Trümmern geholt. Eine Frau erlitt schwere Beinverletzungen“, so Klymenko.

Serhij, Bewohner eines der beschädigten Häuser, sagt, er sei wie durch ein Wunder unverletzt geblieben: „Gott sei Dank sind wir am Leben. Aber hier ist viel Schlimmes angerichtet worden. Autos und Wohnungen sind beschädigt. Der Einschlag erfolgte direkt hier im Hof. Dadurch wurde so viel Staub aufgewirbelt, dass man in der Wohnung nicht mehr atmen konnte.“

Inna, eine weitere Bewohnerin des beschädigten Hauses, ist sich sicher, dass sie nur überlebt hat, weil sie den Luftalarm nicht ignoriert hat. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass hier eine Rakete einschlägt. Beim ersten Mal schlug sie hier im Park ein. Unsere Fenster wurden zerstört. Aber alle haben überlebt. Diesmal sind wir in die Schutzräume gegangen, weil es wirklich laut knallte, sehr laut“, erzählt die Frau der DW. Ihre Wohnung im fünften Stock ist völlig zerstört. Ihre 35-jährige Nachbarin aus dem dritten Stock sei in der Nacht umgekommen, sagt die Frau.
Schutz in überfüllten U-Bahn-Stationen
Die Kyjiwer U-Bahn meldete, dass in der Nacht zum 2. Juli über 52.000 Menschen, darunter 4.500 Kinder, unterirdische Stationen als Luftschutzbunker nutzten. In der überfüllten Station Klowska im Zentrum der Stadt, in der sich auch ein DW-Reporter aufhielt, saßen viele Menschen auf Teppichen, Stühlen oder Luftmatratzen. Einige begaben sich später in die Eingangshalle der Station, wo der Internetempfang besser ist. Als jedoch in den sozialen Medien die Starts russischer Raketenträger gemeldet wurden, strömten die Menschen wieder hinab zu den Bahnsteigen.

Auch unten in der Station waren die Explosionen zu hören, wenn auch nicht so laut. Die Geräusche lösten nur bei den Haustieren Panik aus, die die Menschen mitgenommen hatten. Die meisten Kinder schliefen tief und fest, und ihre Eltern und Nachbarn tauschten Informationen über den Verlauf der Raketen- und Drohnenangriffe aus. Am Morgen, noch vor Aufhebung des Luftalarms, eilten viele Menschen nach Hause, um sich nach einer schlaflosen Nacht für die Arbeit fertigzumachen. Für den 3. Juli haben die Kyjiwer Behörden Trauer für die Toten angeordnet.