29. Mai 2026

Islands EU-Referendum trifft auf ein gespaltenes Land

Von Admins

Island steuert derzeit auf eine der wichtigsten Entscheidungen seiner Geschichte zu: Am 29. August stimmen die Bürgerinnen und Bürger über eine Wiederaufnahme der EU‑Beitrittsverhandlungen ab – in einem politisch tief gespaltenen Land.  Sollte es tatsächlich wieder zu Verhandlungen mit Brüssel kommen, soll eine zweite Volksabstimmung den Willen zum EU-Beitritt klären.

Ein vorgezogenes Referendum

Eigentlich wollte Islands EU-freundliche Mitte-Links-Regierung seine Bürger erst 2027 darüber abstimmen lassen; die jüngsten Entwicklungen sorgen jedoch dafür, dass dieses Referendum nun deutlich vorgezogen wird.

Wiederholt hatte US-Präsident Donald Trump in den vergangenen Monaten mit Besitzansprüchen gegenüber Grönland, Islands nächstem Nachbarn, gedroht – und damit auch Ängste bei den rund 400.000 Isländern befeuert. Eine angeblich scherzhaft gemeinte Äußerung des designierten US-Botschafters Billy Long im Januar, Island könne schon bald der 52. US-Bundesstaat werden, sorgte zusätzlich für Empörung in der Bevölkerung.

Eine Umfrage des isländischen Meinungsforschungsinstituts Prosent ergab damals, dass sich eine Mehrheit der Isländer für einen EU-Beitritt aussprach. Schon Anfang 2025 sahen in einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Senders RUV drei Viertel der Befragten in den USA eine Bedrohung.

Wie wahrscheinlich ist ein EU-Beitritt?

Seit der Ankündigung des Referendums im März hat sich in der öffentlichen Debatte jedoch einiges verändert. Die öffentliche Unterstützung für die Fortsetzung der Verhandlungen sei „tatsächlich zurückgegangen“, sagte Maximilian Conrad, Professor für Europäische Integration und politische Theorie an der Universität von Island am Dienstag gegenüber dem Portal Euractiv. „Die Wähler wollen wissen, was das Beitrittspaket beinhaltet, was Island davon hat.“

Während eine Umfrage der Tageszeitung Morgunblaðið eine knappe Mehrheit (52 Prozent) für die Fortsetzung der Beitrittsgespräche sieht, spricht sich bei einer Befragung der Wirtschaftszeitung Viðskiptablaðið eine knappe Mehrheit (54 Prozent) gegen einen EU-Beitritt aus, so der Euractiv-Bericht.

Während die Regierungskoalition für einen EU‑Beitritt als geopolitische Notwendigkeit wirbt, warnt die Gegenseite vor einem Verlust nationaler Souveränität – insbesondere bei der Fischerei, einem zentralen Pfeiler der isländischen Wirtschaft.

Hauptstreitpunkt Fischereipolitik

Traditionell sind die Isländer stolz auf ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit – wozu auch ihre bisherige geografische Abgeschiedenheit beigetragen haben dürfte. 1944 erlangte die Inselrepublik ihre Unabhängigkeit von Dänemark, der 17. Juni wird seitdem als Nationalfeiertag ausgiebig gefeiert.

Spanisches Fischerboot beim Sardinenfang bei Sonnenaufgang
Island sorgt sich um die Zukunft seiner Fischer – und fürchtet EU-Fangflotten vor der eigenen KüsteBild: Tono Balaguer/Design Pics/IMAGO

Jahrzehntelang war eine vollständige EU-Mitgliedschaft für die Isländer eher kein Thema. Das Land ist Mitglied in der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR): damit genießt es alle Vorteile des europäischen Binnenmarktes und ist Teil des Schengen-Raums.

Eine Vollmitgliedschaft scheiterte allerdings bislang vor allem an der EU-Fischereipolitik. Die Fischereiindustrie ist Islands bedeutendster Wirtschaftszweig, als EU-Mitglied müsste sich das Land der gemeinsamen Fischereipolitik der EU unterordnen. Reykjavik wäre gezwungen, seine fischreichen Gewässer für Fangflotten aus anderen EU-Ländern zu öffnen, es würde seine nationale Kontrolle über Fangquoten verlieren und müsste womöglich eine Überfischung seiner Bestände befürchten.

Entfremdung von Washington

Zudem ist Island zwar Gründungsmitglied der NATO, eine eigene Armee hat der Inselstaat jedoch nicht – und das, obwohl das Land im Nordatlantik eine geostrategisch immer bedeutsamere Lage besitzt. Jahrzehntelang hatte man sich auf die USA als Schutzmacht verlassen; doch nun wird ausgerechnet diese immer kritischer gesehen.

Nach Grönland-Streit: NATO verstärkt ihre Arktis-Mission

Und das nicht nur wegen Grönland: Dass US-Präsident Trump auch gegen Island 15 Prozent Strafzölle verhängt hat, trifft das vom Fischexport so abhängige Land besonders hart und sorgt für zusätzliche Entfremdung. Schließlich sind die USA nach der EU Islands zweitwichtigster Handelspartner. Und so wird auf der Insel trotz aller Bedenken um die eigene Fischereiindustrie ein EU-Beitritt immer lebhafter diskutiert.

In Krisenzeiten pro EU

Dabei ist es nicht das erste Mal in der Geschichte Islands, dass sich Reykjavik der EU annähert. Im Jahr 2008 wurde die Inselrepublik von der weltweiten Finanzkrise schwer getroffen.  Das Land stand kurz vor dem Staatsbankrott und stellte einen Aufnahmeantrag in die EU – es hoffte, so mit unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen zu können. Doch in den folgenden Jahren fing sich Island wirtschaftlich wieder.

Panoramablick auf die Hauptstadt Reykjavik mit ihren charakteristischen Gebäuden
Blick über Reykjavik – 2008 stand Island kurz vor dem StaatsbankrottBild: Zhang Fan/Xinhua/picture alliance

2013 gewann eine europaskeptische Mitte-Rechts-Koalition die Wahlen und legte die Beitrittsgespräche wieder auf Eis. Auch in der Bevölkerung ließ die Europabegeisterung wieder spürbar nach. 2015 zog das Land seinen Beitrittsantrag dann komplett zurück.

Offene Arme in Brüssel

Jetzt – vor der sich verändernden geopolitischen Lage – scheint viele Isländer ein erneuter Sinneswandel befallen zu haben. In Brüssel registriert man das durchaus wohlwollend.

Da Island über EWR und EFTA schon jetzt stark in europäische Strukturen eingebunden ist, gilt das Land in Brüssel als relativ unkomplizierter Verhandlungspartner. Und im Gerangel mit den USA um Macht und Einflusssphären wäre ein isländischer Beitritt für die EU auch ein deutliches Signal der Stärke Richtung Washington.

Dieser Artikel stammt vom 25. Februar 2026 und wurde am 28. Mai 2026 aktualisiert.