24. Februar 2026

Island und die EU: Tatsächlich… Liebe?

Von Admins

Angeblich war es nur als Scherz gedacht – doch lachen wollte in Island darüber niemand. Im Januar witzelte Billy Long, der frischgebackene US-Botschafter in Reykjavik, vor einigen Kongressabgeordneten, schon bald könnte Island der 52. Bundesstaat der USA werden – und er selbst dessen Gouverneur. Die Aussage fiel mitten in eine Zeit, in der die US-amerikanischen NATO-Partner befürchteten, Präsident Trump könnte sich Grönland – quasi als Bundesstaat Nr. 51 – einverleiben.

Die Empörung in Island ließ nicht lange auf sich warten. Das isländische Außenministerium verlangte eine Klarstellung, in den sozialen Medien hagelte es ablehnende Kommentare, und tausende der insgesamt nur knapp 400.000 Isländer unterzeichneten eine Petition, die forderte, Long die Akkreditierung zu verweigern. Der Republikaner sah sich gezwungen, zurückzurudern: Der Kommentar sei nicht ernst gemeint gewesen: „Wenn sich irgendjemand dadurch beleidigt fühlt, entschuldige ich mich“.

Flucht unter den europäischen Schutzschirm?

Dass die Isländer besonders alarmiert auf derartige Äußerungen reagieren, liegt nicht zuletzt an der jüngsten Debatte zwischen US-Präsident Trump und den NATO-Partnern um Grönland. Zwar gehört Island zu Europa, doch liegt es der arktischen Insel deutlich näher als dem europäischen Festland: Nur 300 Kilometer Luftlinie trennen Island von Grönland. Die Sorge, nun ebenfalls zu einer Art Spielball der Großmächte zu werden, ist groß.

So groß, dass auf der Vulkaninsel nun wieder massive Überlegungen angestellt werden, der Europäischen Union beizutreten. Eigentlich wollte Islands EU-freundliche Mitte-Links-Regierung seine Bürger erst 2027 darüber abstimmen lassen; die jüngsten Entwicklungen sorgen jedoch dafür, dass dieses Referendum nun deutlich vorgezogen werden soll: auf August 2026.

Und die Chancen für ein Ja zur EU stehen gut: Jüngsten Umfragen zufolge befürworten mittlerweile 45 Prozent der Isländer einen EU-Beitritt, nur 35 Prozent sind dagegen. Schon Anfang 2025 sahen in einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Senders RUV drei Viertel der Befragten in den USA eine Bedrohung.

Hauptstreitpunkt Fischereipolitik

Traditionell sind die Isländer stolz auf ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit – wozu auch ihre bisherige geografische Abgeschiedenheit beigetragen haben dürfte. 1944 erlangte die Inselrepublik ihre Unabhängigkeit von Dänemark, der 17. Juni wird seitdem als Nationalfeiertag ausgiebig gefeiert.

Spanisches Fischerboot beim Sardinenfang bei Sonnenaufgang
Island sorgt sich um die Zukunft seiner Fischer – und fürchtet EU-Fangflotten vor der eigenen KüsteBild: Tono Balaguer/Design Pics/IMAGO

Jahrzehntelang war eine vollständige EU-Mitgliedschaft für die Isländer eher kein Thema. Das Land ist Mitglied in der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR): damit genießt es alle Vorteile des europäischen Binnenmarktes und ist Teil des Schengen-Raums.

Eine Vollmitgliedschaft scheiterte allerdings bislang vor allem an der EU-Fischereipolitik. Die Fischereiindustrie ist Islands bedeutendster Wirtschaftszweig, als EU-Mitglied müsste sich das Land der gemeinsamen Fischereipolitik der EU unterordnen. Reykjavik wäre gezwungen, seine fischreichen Gewässer für Fangflotten aus anderen EU-Ländern zu öffnen, es würde seine nationale Kontrolle über Fangquoten verlieren und müsste womöglich eine Überfischung seiner Bestände befürchten.

Entfremdung von Washington

Zudem ist Island zwar Gründungsmitglied der NATO, eine eigene Armee hat der Inselstaat jedoch nicht – und das, obwohl das Land im Nordatlantik eine geostrategisch immer bedeutsamere Lage besitzt. Jahrzehntelang hatte man sich auf die USA als Schutzmacht verlassen; doch nun wird ausgerechnet diese immer kritischer gesehen.

Nach Grönland-Streit: NATO verstärkt ihre Arktis-Mission

Und das nicht nur wegen Grönland: Dass US-Präsident Trump auch gegen Island 15 Prozent Strafzölle verhängt hat, trifft das vom Fischexport so abhängige Land besonders hart und sorgt für zusätzliche Entfremdung. Schließlich sind die USA nach der EU Islands zweitwichtigster Handelspartner. Und so erscheint trotz aller Bedenken um die eigene Fischereiindustrie ein EU-Beitritt für viele Isländer immer attraktiver zu werden.

In Krisenzeiten pro EU

Dabei ist es nicht das erste Mal in der Geschichte Islands, dass sich Reykjavik der EU annähert. Im Jahr 2008 wurde die Inselrepublik von der weltweiten Finanzkrise schwer getroffen. Die drei größten Banken des Landes brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit sprang von fast null auf rund zehn Prozent, die isländische Krone verlor massiv an Wert, und das Land musste beim Internationalen Währungsfonds einen Kredit in Höhe von über zwei Milliarden US-Dollar aufnehmen.

Panoramablick auf die Hauptstadt Reykjavik mit ihren charakteristischen Gebäuden
Blick über Reykjavik – 2008 stand Island kurz vor dem StaatsbankrottBild: Zhang Fan/Xinhua/picture alliance

Das Land stand kurz vor dem Staatsbankrott und stellte einen Aufnahmeantrag in die EU – es hoffte, so mit unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen zu können. Doch in den folgenden Jahren fing sich Island wirtschaftlich wieder.

2013 gewann eine europaskeptische Mitte-Rechts-Koalition die Wahlen und legte die Beitrittsgespräche wieder auf Eis. Auch in der Bevölkerung ließ die Europabegeisterung wieder spürbar nach. 2015 zog das Land seinen Beitrittsantrag dann komplett zurück.

Offene Arme in Brüssel

Jetzt – vor der sich verändernden geopolitischen Lage – scheint die Isländer ein erneuter Sinneswandel zu befallen. In Brüssel registriert man das durchaus wohlwollend. Island sei „jederzeit willkommen“, die 2015 unterbrochenen Verhandlungen wiederaufzunehmen, erklärte EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos. Man „bleibe in engem Kontakt, um die sich verändernden geopolitischen Rahmenbedingungen in diesen turbulenten Zeiten zu adressieren“, erklärte sie auf X.

Da Island über EWR und EFTA schon jetzt stark in europäische Strukturen eingebunden ist, gilt das Land in Brüssel als relativ unkomplizierter Verhandlungspartner. Und im Gerangel mit den USA um Macht und Einflusssphären wäre ein isländischer Beitritt für die EU auch ein deutliches Signal der Stärke Richtung Washington.