31. März 2026

Ukraine-Krieg: Bilder aus der Hölle von Butscha

Von Admins

Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag enthält explizite Schilderungen von Gewalt. 

Butscha, ein Vorort Kyjiws, vier Jahre nach dem Massaker: Die Menschen erzählen unter Tränen von der „Hölle auf Erden“, durch die sie während der rund einmonatigen russischen Besatzung gehen mussten.

Diese „Hölle auf Erden“ wurde von Wassyl Moltschan, Anwohner und Amateurfotograf, dokumentiert. Er filmte die russische Besatzung mit seinem Handy und einer Videokamera, die er auf einem Fensterbrett im ersten Stock installiert hatte.

Moltschan zeigt der DW-Reporterin sein Foto- und Videoarchiv. Es zeigt die Woksalna-Straße drei Tage nach der Befreiung der Stadt durch die ukrainische Armee Anfang April 2022.

Getötet und verbrannt

Auf den Bildern kommt die Erinnerung an diese Hölle zurück. Die Aufzeichnungen zeigen, wie im Keller eines Kinderlagers die Leichen von sieben gefolterten Männern geborgen werden. Sicherheitskräfte packen sie in schwarze Säcke.

Eine andere Szene zeigt, wie Gerichtsmediziner in der Nähe eines Privathauses ein erloschenes Lagerfeuer durchsuchen. Sie finden Überreste von einer Frau, einem Mann und einem Kind. Ihren Angaben zufolge wurden diese von russischen Soldaten getötet und anschließend verbrannt.

Bergung von Zivilisten nach der russischen Besatzung, April 2022
Bergung von Zivilisten nach der russischen Besatzung, April 2022Bild: Olexandra Indyukhowa/DW

Entlang der Woksalna-Straße herrscht ein Bild des Grauens: An den Ästen verkohlter Bäume hängen Kleiderfetzen und offenbar auch einzelne menschliche Gliedmaßen. Fast alle Häuser sind zerstört. Zerfallenes russisches Militärgerät liegt am Straßenrand.

Einige Bewohner stehen am Straßenrand. In ihren Gesichtern spiegelt sich Furcht und Angst, aber auch Freude und Erleichterung. Alle – Frauen wie Männer – weinen.

Fotos und Videos aus der Woksalna-Straße

Die Invasion in Butscha beginnt am 27. Februar. Gegen 8 Uhr morgens marschieren russische Fallschirmjäger die Straße entlang, gefolgt von einer Kolonne militärischen Geräts. Man hört die Geräusche von Kampfhandlungen.

Anderthalb Stunden später zieht sich die Kolonne zurück und hält in der Nähe von Moltschans Haus. Moltschans Aufnahmen zeigen einen russischen Soldaten, der lange und aufmerksam in den Monitor blickt und einem Scharfschützen einen Befehl gibt. Die Kugel fliegt direkt in die Kamera.

Ein Zivilist auf zerstörtem russischen Panzer in Butscha, Ende Februar 2022
Ein Zivilist auf zerstörtem russischen Panzer in Butscha, Ende Februar 2022Bild: Wasyl Molchan

„Ich saß nicht daneben, die Kamera habe ich vom Keller aus per Handy gesteuert. Keine Ahnung, wie sie sie bemerkt haben. Vielleicht haben sie unsere Gespräche abgehört oder irgendwelche Detektoren installiert“, erzählt Moltschan der DW.

Er berichtet auch, wie die „Erde von den Explosionen bebte“ und dieses „furchtbare Beben“ ziemlich lange angedauert habe. Als er aus dem Keller gekommen sei, habe er seine Straße nicht wiedererkannt. „Alles brannte und war zerstört. Es war ein Wunder, dass wir nicht umgekommen sind“, sagt er.

„Junge Menschen in den Tod schicken“

Die russische Kolonne, die Kyjiw „in drei Tagen“ einnehmen sollte, wie die russische Propaganda angekündigt hatte, wurde von Bayraktar-Drohnen vernichtet. Moltschan zeigt Aufnahmen ihrer Überreste.

In dem von ihm aufgenommenen Video sieht man, wie er mit seinem Handy an der verbrannten Ausrüstung vorbeigeht. Er bleibt neben einem Schützenpanzer stehen. Auf dessen Dach liegt ein toter Fallschirmjäger.

Moltschan klettert in den Schützenpanzer und sieht darin die Leichen von zwei weiteren Soldaten. Auf der Brust von einem liegt ein russischer Pass.

Moltschan öffnet ihn und filmt: Aleksandr Kaschin, Jahrgang 2002, aus der Region Swerdlowsk. „Die Welt ist offenbar verrückt geworden. Ich weiß nicht, auf wen sie in Russland hören, dass sie so junge Menschen in den Tod schicken,“ sagt er.

Amateurfotograf Wassyl Moltschan am Computer
Wassyl Moltschan filmte die russische Besatzung mit seinem Handy und der KameraBild: Wasyl Molchan

Das Filmmaterial zeigt auch Dokumente von einem der Kommandeure sowie eine vollständige Liste der Soldaten mit Adressen und Telefonnummern ihrer Angehörigen und Angaben zu ihrer Ausbildung. Die Kommandeure sind Hochschulabsolventen.

Die Soldaten haben höchstens einen Berufsschulabschluss, und ein Späher hat lediglich neun Schuljahre absolviert. Es sind Männer im Alter von 20 bis 37 Jahren aus den russischen Regionen Pskow, Twer, Brjansk und Leningrad. „Sie dachten, sie würden als Helden kommen und Gutes bringen. Doch sie brachten den Tod und starben selbst“, so Moltschan.

Vier Jahre später gibt er zu, dass er sich damals nicht im Klaren darüber war, wie sehr er sein eigenes Leben und das seiner Familie riskiert hatte, als er in Butscha filmte und das Material an Freunde in Kyjiw verschickte.

Mutige Einwohner von Butscha

Auch andere Einwohner von Butscha hätten die Gräueltaten dokumentiert und Militär und Polizei berichtet, was in der Stadt passiert, erinnert sich im DW-Gespräch Kostjantyn Schwedtschykow, Leiter der Staatsanwaltschaft des Bezirks Butscha.

„Die Menschen riskierten ihr Leben und dokumentierten die Verbrechen mit ihren Handys so gut wie möglich. Der Heldenmut von Einwohnern von Butscha bestand darin, dass sie keine Angst hatten“, so Schwedtschykow.

Während der Besatzung von Butscha starben laut offiziellen Angaben 458 Menschen. Gleichzeitig gehen lokale Aktivisten und Kirchenvertreter von etwa 560 zivilen Todesopfern in diesem Zeitraum aus.

„Viele Menschen lagen einfach auf der Straße“, erinnert sich der Priester der Andreaskirche, Andrij Galawin, im DW-Gespräch. „Viele wurden zum Leichenhaus gebracht, das allerdings wegen des Stromausfalls nicht zugänglich war. Man konnte auch nicht zu den Friedhöfen gelangen.“

Alle fürchteten um ihr Leben

Galawin zeigt Beweise für Massenmorde an Zivilisten – ein Video, das am 10. März 2022 in der Nähe seiner Kirche während einer Beisetzung von Toten aufgenommen wurde. Die städtischen Arbeiter und der Chefarzt des örtlichen Krankenhauses, die Zivilisten in einem Massengrab bestatteten und dies dokumentierten, wussten, dass auch sie jeden Moment getötet werden konnten.

„Diejenigen, die fliehen konnten, veröffentlichten dieses Video erst am Tag darauf. Die russische Propaganda behauptete damals, wie sie es gerne tut, dass es ein inszeniertes Ereignis gewesen sei“, so der Priester.

Wer beging die Hauptverbrechen?

Die Identifizierung der getöteten Zivilisten und ihrer Mörder, so der Staatsanwalt Konstantin Schwedtschykow, habe unmittelbar nach der Befreiung der Stadt begonnen. Ermittler aus verschiedenen Regionen waren in Butscha im Einsatz. Sie sammelten Zeugenaussagen von Zivilisten und werteten Aufnahmen aller Überwachungskameras in der Stadt aus.

Die russischen Soldaten bewegten sich unmaskiert in Butscha, sie berichteten offen in sozialen Netzwerken von ihren „Heldentaten“ und rechneten nicht damit, dass all dies aufgezeichnet werden würde. Einige Soldaten wurden mithilfe eines Gesichtserkennungsprogramms identifiziert, sagt Schwedtschykow und fügt hinzu: „Wir haben mit ihnen korrespondiert, und sie bestätigten und prahlten sogar damit, auf friedliche Zivilisten geschossen zu haben.“

Ein verrosteter Panzer auf der Straße von Butscha nach der Befreiung von russischen Besatzern
Die Straßen von Butscha nach der Befreiung von russischen BesatzernBild: Olexandra Indyukhowa/DW

Schwedtschykow zufolge werden Taten von über 1000 russischen Soldaten untersucht. „Die Hauptverbrechen in Butscha wurden von Fallschirmjägern der Pskower Division und der russischen Nationalgarde begangen. Es gibt etwa 120 Verfahren speziell zu den Verbrechen in Butscha. 20 Besatzer wurden verurteilt, einige zu lebenslanger Haft, andere zu 15, 13, 12 oder zehn Jahren“, so der Staatsanwalt.

Seine Behörde spricht von einem Akt der Aggression Russlands gegen das ukrainische Volk und der Schaffung unmenschlicher Bedingungen für die Menschen während der Besatzung. Der Staatsanwalt betont, dass es im März 2022 in der Stadt weder Strom, Heizung, Gas noch Kommunikationsverbindungen gab. Die Menschen hatten nichts zu essen und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. „Viele konnten die Keller nicht verlassen, es war bitterkalt. Menschen starben an Unterkühlung und Hunger. Das haben Gerichtsmediziner bestätigt“, unterstreicht der Staatsanwalt.

Evakuierung und Wiederkehr

Wie schnell das übliche Leben in Butscha verschwand, wird in den Videos und Fotos von Wassyl Moltschan deutlich. Er filmte in der Woksalna-Straße Flüchtlinge, die zu den Evakuierungsstellen liefen. In den ersten Videos sieht man Menschen, die sich schnell mit Gepäck und in normaler Winterkleidung bewegen – dann Menschen ohne Taschen in schmutziger Kleidung.

In einem von Moltschans Videos ist eine Frau in einer kurzen Jacke zu sehen, um ihre Hüften ist eine Art große Decke gebunden, an deren Ende sich ein kleines Kind festhält. Es trägt eine Jacke, einen bodenlangen Rock einer Erwachsenen und viel zu große Stiefel. Moltschan ließ sich schließlich selbst evakuieren. Mitte März 2022 sah er auf Google Maps eine Markierung an der Adresse seines Hauses. „Wir dachten damals, dass das Haus zu einem potenziellen Ziel geworden war. Außerdem war ein zivilisiertes Leben in Butscha nicht mehr möglich“, erinnert er sich.

Im Juli 2022 kehrte er nach Hause zurück und dokumentierte die Veränderungen in der Woksalna-Straße weiter, die wieder aufgebaut werden sollte. Vier Jahre später steht er neben seinem Haus und sagt der DW-Reporterin, er sei sehr glücklich, dass die Straße „wie neu aussieht, dass sein Haus und die Häuser seiner Nachbarn wiederhergestellt wurden“. Aber er gibt zu bedenken: „Für mich persönlich werden Reparaturen und Wiederaufbau die Spuren des Krieges niemals auslöschen können. Es ist wie ein Blutfleck – fürs ganze Leben ein Abdruck dessen, was hier geschehen ist.“

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk